Kapitel 6
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Belustig stellte Karlotta fest, dass ihre beiden Freundinnen sich gerade wie zwei verliebte Grundschulmädchen benahmen. Aber wer konnte es ihnen verübeln? Thassilo sah wirklich unverschämt gut aus, dass konnte sie nicht abstreiten. Aber er war ihr Cousine, damit hatte sich die Sache für sie auch schon wieder erledigt. „Immer langsam, Mädels“, bremste sie ihre Freundinnen dennoch ein wenig aus. „Lasst Thassilo doch erst einmal richtig ankommen. Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft viel zusammen unternehmen werden“.

 
 
 

Karlotta wollte gerade damit beginnen, die Partyplanung für das anstehende Wochenende zu besprechen, als eine Jungenstimme Thassilos Aufmerksamkeit auf sich zog. „Thassilo! Thassilo, bis du das?“ mein Neffe drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme kam. Es dauerte einen Moment, aber dann erkannte er seinen jüngeren Cousin Rocky, Magdas ältesten Sohn. „Rocky, wir haben uns ja schon eine Ewigkeit nicht gesehen!“ Er freut sich wirklich, ihn zu sehen. „Ich weiß“, antwortete Rocky. „Ich habe es leider nicht zu eurer Einweihungsparty geschafft. Aber ich wusste ja, dass du auf unsere Schule gehen wirst. Erzähl, wie war es so auf Isla Paradiso?“

 
     
 

Auch wenn er dieselben Geschichten in den letzten Tagen ein ums andere Mal zum Besten gegeben hatte, begann er auch diesmal bereitwillig zu berichten. Dabei entgingen ihm die missbilligenden Blicke, die seine drei Begleiterinnen auf einmal zur Schau stellten. Annabelle und Shamika verzogen das Gesicht, als ob sie eine stinkende Ratte erblickt hätten. Und viel mehr als das war Rocky in ihren Augen auch nicht. 

 
     
 

Schließlich unterbrach Karlotta mit einem leisen, aber unmissverständlichen Räuspern das Gespräch der beiden Jungen. „Rocky, ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass die Wiedersehensfreude deinen Verstand etwas getrübt hat, wobei ich bezweifle, dass das bei deinem Spatzenhirn überhaupt noch möglich ist, und du deshalb einfach vergessen hast, dass du auf diesem Teil des Schulhofs nichts verloren hast.“ Inzwischen hatten sich Shamika und Annabelle demonstrativ hinter Karlotta aufgebaut. „Nur zu deiner Erinnerung, dass hier ist der Bereich für die coolen Kids. Also für mich, meine Mädels und auch für Thass. Solche Nerds wie du, haben hier hingegen nichts verloren. Also verzieh dich, bevor ich unangenehm werden muss. Dein bloßer Anblick beleidigt meine Augen.“

 
   
 

Karlottas Blick sprach Bände. Und Rocky kannte seine Stellung in der Hackordnung gut genug, um keinen Wiederspruch einzulegen. Im Laufe der Jahre hatte er einsehen müssen, dass er gegen Karlotta nicht ankam. Da war es das Beste, einfach nachzugeben. „Ist ja schon gut. Ich wollte nur Thassilo kurz hallo sagen. Ich bin ja schon weg.“ Karlotta nickte zufrieden. „Brav, Rocky. Es ist immer gut, wenn man seinen Platz in der Welt kennt. Und nun verzieh dich, aber flott! Oder soll ich den Jungs vom Basketball-Team sagen, dass du die Mülltonne mal wieder von innen betrachten möchtest?“ Nein, das wollte er nicht. Belustigt stellte Karlotta fest, dass Rocky es jetzt sehr eilig hatte aus ihrem Blickfeld zu verschwinden.

 
   
 

Thassilo hatte die Auseinandersetzung wortlos mitverfolgt. Die Verwirrung stand im deutlich ins Gesicht geschrieben. Was ging da bloß zwischen Karlotta und seinem Cousin vor? Eigentlich schrie alles in seinem Inneren danach, sich für Rocky einzusetzen. Es war einfach nicht richtig, wie Karlotta und ihre Freundinnen mit dem Jungen umgegangen waren. Aber er tat es dennoch nicht. Hier stand sein Ruf auf der neuen Schule auf dem Spiel. Wenn er sich jetzt auf Rockys Seite gestellt hätte, dann wäre er unten durch gewesen, noch ehe er wieder richtig in Rodaklippa angekommen war. Mit Karlotta und ihrer Clique standen ihm hingegen alle Wege offen.

 
     
 

Und diese Möglichkeit wollte er sich einfach nicht verbauen. An Rockys Situation konnte er auf die Schnelle eh nichts ändern. Und die beiden konnten sich ja nach der Schule treffen…wenn es keiner sah. Erst als sein Cousin außer Hörweite war, traute er sich Karlotta auf diesen Vorfall anzusprechen. „Hat Rocky euch irgendetwas getan? Als Kinder waren wir doch alle gut befreundet.“ Karlotta setzte ein mitleidiges Lächeln auf. „Ach, Thass, du hattest schon immer so ein weiches Herz. Aber hier hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Rocky ist voll der Obernerd geworden. Mit dem will keiner was zu tun haben. Selbst die anderen Looser meiden ihn. Und du solltest dich besser auch von ihm fernhalten.“ Die Drohung in dem letzten Satz entging Thassilo keineswegs.

 
     
 

Und es war eine Drohung, die Thassilo nicht auf die leichte Schulter nehmen wollte. Karlotta und die übrigen Mädels würden schon einen Grund haben, warum sie Rocky gegenüber so abweisend waren. Wer war er schon, um das in Frage zu stellen? „Und, was plant ihr so fürs Wochenende?“, fragte er daher, um das Gespräch wieder in erfreulichere Bahnen zu lenken. Karlotta sprang sofort auf den Zug auf. „Das wollten wir eben besprechen, als du kamst. Komm setzt dich hin, dann kannst du gleich mitentscheiden. Und du hast bestimmt Durst, nicht wahr? Shamika, du hast doch sicher nichts dagegen, Thass eine Cola aus der Kantine zu holen?!“ Schamika setzte zum Protest an, doch Karlottas eindringlicher Blick ließ sie verstummen. Sie machte sich umgehend auf den Weg. Natürlich hätte Thassilo sie aufhalten können. Aber es stimmt schon, Durst hatte er tatsächlich.

 
 

 

 

Teil 3

 
   
 

Wenn Lottchen und Francesco morgens das Haus verließen und zur Schule beziehungsweise zur Arbeit fuhren, dann war ich plötzlich allein im Haus. Die Stille, die hier herrschte, war dann fast unheimlich. Das Ticken der Uhren erschien mir unglaublich laut und überall hörte ich die alten Holzdielen knacken, als ob sie zum Leben erwacht wären.

   
   
 

Zum Glück blieb ich nie lange allein. Etwa eine halbe Stunde, nachdem Lottchen und Francesco immer das Haus verließen, begann auch Janny, unser Hausmädchen, mit ihrer Arbeit. Und für ein kurzes Pläuschchen am Morgen war immer Zeit. Und häufig genug musste ich kurz darauf auch schon selbst zu einem Termine aufbrechen, bei dem die Anwesenheit der Lady von Rodaklippa von Nöten war.

 
     
 

Aber nicht so heute. Heute hatte ich meinen freien Tag. Auch zu Palette und Pinsel würde ich nicht greifen. Diesen besonderen Tag hatte ich mir für Magda reserviert. Sie war gerade erst von einer Tournee durch den Süden der SimNation zurückgekehrt und wir hatten uns viel zu erzählen. Und bei einer entspannten Partie Domino ging uns die Worte besonders leicht über die Lippen. 

 
 

„Ich sag es dir, Claude, in Simtropolis sind die Leute ausgerastet, als ich auf die Bühne kam“, berichtete Magda begeistert. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Aber ich bin auch noch nie zuvor vor so vielen Menschen aufgetreten. Da waren mehr als 5000 Leute in der Halle! Kannst du dir das vorstellen? Ich habe mich gefühlt, als ob ich fliegen könnte!“ Magdas Augen strahlten bei jedem ihrer Worte. Wir hingegen lief es kalt den Rücken runter, wenn ich nur versuchte mir vorzustellen, dass ich vor solch einer Menschenmasse stehen sollte, ganz zu schweigen davon, dass ich auch noch vor ihnen hätte singen sollen. Außerdem hätte ich auf so einer langen Tournee mein Lottchen zu sehr vermisst. „Haben dir deine Kinder denn gar nicht gefehlt?“, fragte ich meine Cousine daher. „Du warst doch fast sechs Wochen unterwegs.“

   
   
   

„Natürlich haben sie mir gefehlt“, entgegnete Magda entrüstet. „Aber ich wusste sie bei ihrem Vater in besten Händen. Außerdem gibt es da so neue moderne Technik. Telefon und Facetime nennt sich das, Claude. Schon mal was davon gehört?“ Bei diesen Worten zwinkerte sie mir zu. „Und ich wusste ja, dass ich sie bald wiedersehen würde. Und versteh mich nicht falsch, ich liebe meine beiden Jungs, aber manchmal genieße ich es auch eine Weile für mich allein zu sein.“ Hhm, dieser Gedanke war mir irgendwie fremd. Ich konnte beim besten Willen nichts Schönes daran finden, von meinem Kind getrennt zu sein. Aber ich schwieg und ließ Magda weiterreden. „Gerade Rafael kann manchmal echt anstrengend sein“, erzählte Magda von ihrem Jüngsten und verdrehte dabei die Augen. „Ständig will er spielen oder mir etwas zeigen oder fragt mir unentwegt Löcher in den Bauch. Zum Glück habe ich das bei Rocky schon alles hinter mir. Ich will ja gar nicht behaupten, dass ein Junge in der Pubertät weniger anstrengend wäre, aber ich hätte nichts dagegen die Uhr bei Rafael um zwei, drei Jahre vorzudrehen.“

 
   
 

Nun, da wollte ich dann doch wiedersprechen. Doch bevor ich meine Gedanken zu einem sinnvollen Einwand ordnen konnte, kam Lottchen von der Schule nach Hause. „Tante M!“, rief sie erfreut und begrüßte ihre Tante stürmisch. „Du musst mir unbedingt alles von deiner Tournee erzählen. Hast du unterwegs auch ein paar heiße Roadies kennengelernt?“ Heiße Roadies? Bei diesen Worten aus dem Mund meiner unschuldigen, vierzehnjährigen Tochter riss ich überrascht den Kopf herum, was auch Magda nicht entging. „Darüber reden wir später, Lizzy“, flüstert sie daher meiner Tochter zu, allerdings so laut, dass ich sie problemlos verstehen konnte. „Deine Ma, muss ja nicht alles mitbekommen“, fügte sie verschmitzt grinsend hinzu.

 
       
 

Ich rang immer noch nach den passenden Worten, doch Magda und Lottchen beachteten mich gar nicht mehr. Stattdessen holte Lottchen ihr Smartphone hervor. „Könntest du vielleicht einen kleinen Videogruß für meine Freunde aufnehmen? Die würden sich wahnsinnig darüber freuen.“ „Ok, warum nicht“, antwortete Magda achselzuckend. „Für meine Nichte tue ich so etwas doch gern.“ „Danke Tante M“, entgegnet Lottchen freudestrahlend und hielt die Kamera vor sich. Magda schaltet sofort in den Star-Modus. Spielerisch und zugleich doch verführerisch strich sie sich eine Locke aus dem Gesicht und winkte mit den Fingern in die Kamera. „Hallo liebe Fans da draußen. Dieser Gruß geht ganz speziell an alle Freunde meiner liebsten Nichte Lizzy, der coolsten Socke in der ganzen Stadt. Küsschen, eure M.B.“

 
 
   

„Oh supi, Tante M! Du bist einfach die Beste“, bedanke sich Lottchen und fiel Magda um den Hals. „Ich werde das Video gleich auf Simstagram hochladen. Aber jetzt muss ich leider los. Ich habe Omi Elli noch versprochen, ihr dabei zu helfen, ein Kleid für die Benefizgala nächstes Wochenende auszusuchen. Dafür müssen wir aber nach Djupenskog fahren. In den Boutiquen hier in Rodaklippa haben wir bislang einfach nichts gefunden. Rodaklippa ist einfach so ein winziges Provinznest. Du hast doch sicher nichts dagegen, wenn ich fahre, Ma, oder?“

 
     

„Nein, natürlich nicht“, antworte ich, voller Freude darüber, dass mein kleiner Engel mich schlussendlich auch noch bemerkt hatte. „Aber komm nicht zu spät nach Hause. Deine Schulaufgaben musst du nämlich auch noch erledigen.“ „Versprochen.“ Lottchen kam zum Abschied auf mich zu und schmiegte sich eng an mich. Liebevoll drückte ich ihr einen Kuss auf die Stirn. Am liebsten hätte ich sie stundenlang so im Arm gehalten, wie früher, als sie noch ein kleines Baby war. Doch viel zu schnell löste sich Lottchen aus meiner Umarmung, um sich für den Einkaufsbummel mit ihrer Oma umzuziehen. Sie wurde so schnell erwachsen. In diesem Moment konnte ich noch weniger verstehen, warum sich Magda wünschte, dass ihre Jungs schneller groß wurden.

   
   
   

Aber Menschen waren nun mal verschieden, dass musste ich einfach akzeptieren. „Wollen wir dann noch eine Runde Domino spielen?“, fragte ich nachdem Lottchen abgeholt worden war. Doch Magda hatte keine Lust mehr. „Ich werde noch die ganze Woche Brettspiele mit Rafael spielen müssen. Lass uns lieber etwas trinken.“ „Kein Problem. Ich werde Janny auftragen, den Tee zu servieren.“ Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen ließ Magda frustriert den Kopf hängen. „Oh man, Claude. Bei trinken habe ich nicht an Tee gedacht. Ich meinte schon etwas mit mehr Umdrehungen. Das Kind ist ja jetzt aus dem Haus.“

 
   

„Dein Mann hat doch diese riesige Weinsammlung“, fuhr Magda fort und ging hinüber ins Esszimmer, ohne meine Antwort abzuwarten. „Hier ist sie ja schon. Wie hieß noch mal der Rotwein, den wir letztes Mal zum Dessert hatten? Du weißt schon, der der so ein wenig nach Blaubeere gerochen hat. Der war echt gut! Hat nicht so einen pelzigen Belag auf der Zunge hinterlassen, wie manch anderer Wein, den du mir schon serviert hast, Claude. Ein dunkelrotes Etikett hatte der, glaube ich.“ Sie stellte sich vor das Weinregal und hielt nach einer ihr bekannten Flasche Ausschau. Allerdings befand sich in dem Regal mehr als eine Flasche mit einem dunkelroten Etikett.

 

 

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kor. 03.09.2023