Kapitel 4
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Meine Tante ging auf den letzten Satz nicht ein. Ihre Stimme wurde aber deutlich milder, als sie weitersprach. „Hat Francesco dich gestern schlecht behandelt? War er dir aufs tiefste unsympathisch?“, fragte sie. Beide Fragen verneinte ich mit einem Kopfschütteln. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten hatte ich mich sogar sehr gut mit ihm verstanden. „Und hat sich an deinem Wunsch, zu heiraten und eine Familie zu gründen etwas geändert?“ Wieder schüttelte ich mit dem Kopf. „Warum willst du die Verlobung dann lösen?“, fragte sie. „Weil ich ihn nicht liebe, Tante Joanna“, war meine ehrliche Antwort. Meine Tante strich mir behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht und ließ ihre Hand auf meiner Wange verweilen. „Ach, mein liebes Kind. Liebe ist etwas sehr vergängliches, das wirst du früher oder später noch selbst erfahren. Worauf es bei einer Ehe ankommt, sind gegenseitiger Respekt und Vertrauen. Wenn dazu zusätzlich noch Liebe kommt, dann ist das wundervoll. Aber Liebe allein sollte niemals das Fundament einer Ehe bilden.“

 
 
 

„Gibt es da etwa jemand anderen in deinem Herzen?“, fragte Tante Joanna weiter. Ich wollte schon „Roman“ antworten. Doch dann wurde mir bewusst, dass das jetzt auch keine Rolle mehr spielte. Ich liebte ihn zwar, aber er liebte mich nicht mehr. Darum hatte es keinen Sinn, meine Zukunftsplanung von ihm abhängig zu machen. Folglich schüttelte ich mit dem Kopf. „Na, dann ist doch alles in bester Ordnung, Klaudia. Heirate Francesco, lern ihn besser kennen und vielleicht sogar lieben. Ich kenne diesen Mann, er wird sich an euer Ehegelübte gebunden fühlen. Er wird dir ein sorgender und treuer Ehemann sein, was auch immer kommen mag. Für ein anderes Verhalten ist er zu rechtschaffen. Du wirst es nicht bereuen, ihn zu heiraten.“ Ich bewunderte Tante Joannas Vertrauen in Francesco und meine Zukunft. Und auf wundersame Weise ging dieses Vertrauen auch auf mich über. „In Ordnung, Tante Joanna, dann verfahren wir so weiter, wie es geplant war. Ich werde Francesco heiraten.“

 
 

 

 

   
   
   

Als ich mein Zimmer gemeinsam mit Tante Joanna verließ, stellte ich überrascht fest, dass noch eine weitere Person anwesend war. Francesco stand im Raum und unterhielt sich mit meinem Vater und Magda. Er war in Begleitung einer Frau, die er mir später als seine Schwester Alexis vorstellte. Heute trug er nicht mehr den vornehmen Anzug vom gestrigen Abend, sondern war eher leger in Hemd und Weste gekleidet. Als er mich sah, erschien ein kaum merkliches Lächeln auf seinem Gesicht, und das, obwohl ich nicht so herausgeputzt war wie am gestrigen Abend. Konnte es sein, dass ihm mein jetziges Aussehen gefiel oder machte er sich lediglich erneut über mich lustig? Sogleich kam er auf mich zu und ergriff meine Hand. „Klaudia, ich hoffe, die Zeitungsanzeige hat dich nicht zu sehr verschreckt. Meine Mutter ist in diesen Dingen sehr…fokussiert.“ Nun, eigentlich hatte mich diese Anzeige bis ins Mark erschüttert. Aber das sagte ich Francesco nicht. Stattdessen tat ich so, als ob es nicht weiter schlimm gewesen wäre. Doch Francesco war noch aus einem weiteren Grund hergekommen außer sich bei mir zu entschuldigen.

 
   
 

Denn auf einmal sank er vor mir auf die Knie. Ich hörte, wie ein aufgeregtes Raunen durch den Raum ging. „Klaudia, ich weiß, dass du dies schon gestern hättest bekommen müssen.“ Bei diesen Worten holte er eine kleine Schatulle aus seiner Hosentasche. „Aber vielleicht ist es dir und deiner Familie ja sogar ganz Recht, dass sie bei diesem Ereignis mit anwesend sein können.“

 
   
 

Francesco öffnete die Schatulle und holte einen goldenen Ring mit einem auffälligen Diamanten heraus. Magda schnappte hörbar nach Luft bei diesem Anblick und selbst meine Mutter musste sich an der Schulter meines Bruders abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Francesco hielt den Ring zwischen zwei Fingern in die Höhe und sah mir tief in die Augen. „Klaudia Blech, ich frage dich erneut und im Beisein deiner Familie, ob du meine Frau werden willst.“

 
   
 

Ich sah ihm in die eisblauen Augen, die mich schon bei unserer ersten Begegnung so fasziniert hatten. Was sah ich darin? War es Liebe? Vermutlich nicht. Aber dieser Blick gab mir das seltsame Vertrauen, dass ich mit ihm an der Seite alle Hindernisse im Leben würde meistern können. Also schob ich alle Bedenken beiseite und sagte „Ja“. Im Raum brach Applaus aus und ich konnte es gar nicht verhindern ehrlich zu lächeln, als Francesco mir den Ring an den Finger steckte. Ich würde seine Frau und damit Lady Hartfels von Rodaklippa werden. Es gab kein Zurück mehr, also beschloss ich nicht daran zu denken, was alles hätte sein können…mit Roman…, sondern mich stattdessen auf meine gemeinsame Zukunft mit Francesco zu freuen.

   
 

 

 

Teil 7

 
     
 

In den Tagen nach unserer Verlobung bekam ich die Gelegenheit, Francesco besser kennenzulernen. Seine Pflichten als Lord von Rodaklippa ließen ihm nicht viel Freizeit, aber sobald er einmal nicht einer Ratssitzung im Rathaus beiwohnen musste oder zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung eingeladen war, verbrachten wir den Tag gemeinsam. Es war auf der Rollschuhbahn auf dem Sommerfest, dass er zum ersten Mal meine Hand nahm. Ich war so überrascht, dass ich fast hingefallen wäre und ich musste mich dazu zwingen, die Hand nicht sofort wegzuziehen. Ich merkte deutlich, dass ihm die Situation ebenso unbehaglich war wie mir. Dennoch ließ er meine Hand nicht los und nach einer Weile fühlte es sich nicht mehr so seltsam an. Wir mussten einfach nur langsam Schritt für Schritt aufeinander zugehen, dann würden wir es schon schaffen, eine glückliche Ehe zu führen.

 
   
 

Bald schon entdeckte ich, dass Francesco eine Vorliebe fürs Theater hatte. Die Theaterszene von Rodaklippa war zwar nur sehr klein, dennoch führte er mich zu den verschiedenen Stücken aus, die aktuell aufgeführt wurden. Und auch wenn Francesco allgemein sehr schweigsam war, so konnte er doch reden wie ein Wasserfall, wenn es um das Theater ging. 

 
     
 

Etwa zwei Wochen nach Bekanntgabe unsere Verlobung wurde ich offiziell seiner Familie vorgestellt. Mir wurde sehr mulmig zumute, als unser Wagen hoch oben auf der Klippe vor Schloss Hardsten zum stehen kam. Ich fühlte mich auf einmal so klein und unbedeutend. Das Äußere des Schlosses kannte ich natürlich bereits aus meinen Jugendjahren, denn meine damals besten Freundin und ich waren früher oft hierhergekommen, um vor den Schlossmauern zu stehen und uns Vorzustellen, wir seien Prinzessinnen. Und für mich würde sich dieser Traum bald erfüllen, auch wenn ich nicht behaupten konnte, dass ich immer noch so sehr darauf brannte, wie als junges Mädchen.

 
   
   

Das Innere des Schlosses kannte ich natürlich nicht. Die schweren und teuren Möbel zeugten von der Tradition des Hauses Hartfels. Ich war froh, dass ich das Kleid von Tante Joanna immer noch hatte, denn sonst wäre ich mir noch mehr fehl am Platz in diesem Haus vorgekommen, als ich es ohnehin schon tat. Beim gemeinsamen Essen wurde ich mit Francescos Mutter, Lady Eleonore Hartfels, bekanntgemacht. Seine Schwester Alexis kannte ich ja bereits. Vor Nervosität war mein Hals so zugeschnürt, dass ich den servierten Fasan kaum runterschlucken konnte, auch wenn er wirklich köstlich schmeckte. Und ich stellte fest, dass Francescos Schweigsamkeit in der Familie zu liegen schien. Die meiste Zeit über herrschte Stille während des Essens, lediglich unterbrochen durch die gelegentlichen Fragen von Lady Eleonore an mich, die sich aber mit ein, zwei Worten leicht beantworten ließen. Doch mir war es Recht so. Ich war froh, dass Francesco und ich das Schloss nach gut zwei Stunden wieder verlassen konnten, ohne dass ich mich bis auf die Knochen vor meiner zukünftigen Schwiegermutter blamiert hatte.

 
 

 

 

 
 

Erneut gut zwei Wochen später machten Francesco und ich einen ausgedehnten Spaziergang über die Hügelkuppen von Rodaklippa. Es war eine der letzten angenehm warmen Spätsommernächte und lediglich dünne Wolken bedeckten den ansonsten sternenklaren Himmel. Francesco hielt meine Hand, während wir durch das Gras streiften und den Ausblick auf die hell erleuchtete Stadt zu unseren Füßen genossen. Inzwischen fühlte es sich nicht mehr ungewohnt an, wenn er mich berührte. Ganz im Gegenteil, ich fand es schön, seine Haut auf meiner zu spüren. Ich konnte mir dann einbilden, wir wären ein ganz normales, glückliches Paar. Selbst unser Schweigen empfand ich dann als weniger unangenehm. Wir machten an einem Baum halt, von dem man einen guten Ausblick auf die Cilia Gade und mein Haus hatte. Und unter diesem Baum küsste Francesco mich zum ersten Mal. Es war ein vorsichtiger Kuss. Unsere Lippen berührten sich, verweilten eine Weile aufeinander um sich dann wieder zu lösen. Es war nicht unangenehm. Francescos Lippen fühlten sich weich an, seine Wangen kratzten trotz seines Dreitagebartes kaum und er roch gut wie immer. Und dennoch fühlte ich kein Feuerwerk, welches diesen Kuss zu einem unvergesslichen Moment hätte machen sollen.

   
   
   

Nach dem Kuss nahm Francesco mich in den Arm. Ich versuchte zu ergründen, was er von unserem Kuss hielt. Doch sein Gesicht blieb eine steinerne Maske, durch die ich nicht in sein inneres Blicken konnte. Ich merkte lediglich, dass er etwas unruhig wurde, aber das lag nicht an dem Kuss, sondern an den Worten, die nun folgen sollten. „Klaudia, es ist nun schon spät und bis zur Cilia Gade ist es ein weiter Weg. Was würdest du daher von dem Vorschlag halten, wenn ich dich heute nicht nach Hause bringe, sondern du bei mir auf Schloss Hardsten übernachten würdest?“

 
   
 

Für einen kurzen Moment hatte ich die Hoffnung, dass er mich in einem der zahlreichen Gästezimmer auf Hardsten unterbringen wollte. Doch Francesco führte mich zielstrebig zu dem Flügel des Schlosses, in dem sich seine privaten Räume befanden. Und als wir dann in seinem Schlafzimmer standen, hatte ich keinen Zweifel mehr, wohin dieser Abend noch führen sollte. Ich war daher nicht mehr sehr überrascht, als Francesco auf mich zukam und begann, meine Haare und meine Wange zu streicheln. Seine Worte, „ich möchte heute mir dir schlafen“, waren daher auch nicht mehr nötig gewesen. Noch vor wenigen Wochen hatten diese Worte einen Fluchtinstinkt in mir ausgelöst. Doch Dank Magda und Israel wusste ich, was jetzt auf mich zukommen würde. Der größte Unterschied war aber, dass Francesco mein Verlobter war. Spätestens wenn ich ihn heiraten würde, wäre es ohnehin meine Pflicht, mit ihm zu schlafen, ganz egal, ob ich ihn dann liebte oder nicht. Warum es also weiter aufschieben, anstatt es jetzt hinter sich zu bringen? Und vielleicht konnte ich es ja tatsächlich genießen. Ich würde es nicht wissen, ehe es nicht passiert war.

 
       
 

Als ich mit Israel geschlafen hatte, hatte bereits das Ausziehen mit zum Vorspiel gehört. Doch diesmal war es ganz anders. Nachdem ich Francesco so glaubhaft wie möglich versichert hatte, dass auch ich mit ihm schlafen wolle, ging er hinüber zum Bett und begann sich auszuziehen. Erst die Weste, dann das Hemd und zum Schluss die Hose. Die Kleidungsstücke legte er ordentlich zusammengelegt auf einen Stuhl. Also zog auch ich mich aus und kurz darauf standen wir uns beide in Unterwäsche gegenüber, lediglich durch das Bett getrennt. Ich hatte natürlich schon vorher bemerkt, dass Francesco sehr gut gebaut war, aber jetzt, wo er fast nackt vor mir stand, wurde mir erst richtig bewusst, wie durchtrainiert er wirklich war. Im Vergleich dazu kam mir mein eigener Körper immer noch dick und schlaff vor und beschämt kauerte ich mich zusammen.

 
 
   

Dies schien auch Francesco nicht zu entgehen, denn er bot an, dass Licht zu löschen. Er tat das bestimmt nur, um meinen hässlichen Körper nicht länger sehen zu müssen. Doch den Gefallen wollte ich ihm nicht tun und bestand darauf, das Licht brennen zu lassen. Aber vielleicht hatte ich mich auch geirrt was Francescos Intention das Licht zu löschen betraf, denn als er seine Unterhose auszog konnte ich sehr genau erkennen, dass mein Anblick für ihn wohl nicht so schlimm sein konnte. Hastig blickte ich zur Seite, als mir bewusst wurde, dass ich seinen Lendenbereich länger als angebracht angestarrt hatte und die Schamesröte schoss mir in die Wangen. Ich entledigte mich eilig meiner Unterwäsche und setzte mich aufs Bett, wobei ich verschämt auf meine Füße starrte. Francesco setzte sich zu mir und als ich zu ihm blickte, sah ich, wie er meinen Körper musterte. Dabei erschien wieder dieses kaum merkliche Lächeln auf seinen Lippen. Konnte es sein, dass ich ihm doch gefiel?

 
     

Der Gedanke brachte mich ganz durcheinander. Sah er vielleicht doch mehr in mir, als bloß die Frau die für ihn ausgesucht wurde und die er nun heiraten musste? Wenn es so war, dann musste ich mich noch mehr anstrengen, ihn ebenfalls lieben zu können. Seine Hand berührte meinen Oberschenkel und er beugte sich über mich. „Was ist mit Verhütung?“, warf ich ein, bevor es zu spät war. „Ich nehme nicht die Pille.“ Francesco streichelte weiter die Innenseite meines Oberschenkels. „Darüber brauchen wir uns doch keine Gedanken zu machen“, antwortete er gelassen. „Es wird schon nichts passieren. Und wenn doch, dann ist es auch egal. In ein paar Monaten sind wir ohnehin verheiratet. Was spiel es dann für eine Rolle?“ Es spielte eine große Rolle. Ja, ich wollte Mutter werden, aber doch noch nicht jetzt. Ich hatte mich noch kaum an den Gedanken gewöhnt, Francescos Frau zu werden. Aber ein Kind von ihm zu bekommen war eine ganz andere Geschichte. Ich wusste, dass ich hätte protestieren sollen. Doch meine Schüchternheit und Unsicherheit bewirkte, dass ich meine Einwände wieder einmal für mich behielt.

   
   
   

Francesco streichelte mich noch eine Weile und meine Hand fuhr durch sein Brusthaar, doch dieses Vorspiel war nach wenigen Augenblicken schon beendet. Er war vorsichtig, als er in mich eindrang, ähnlich wie bei unseren Kuss auf der Klippe. Dann begann er seinen stetigen Rhythmus. Sanft, aber doch beharrlich. Beinah hätte ich als angenehm bezeichnen können, doch dann wurde mir bewusst, dass er mich nicht anblickte. Ich sah zu ihm hoch, doch Francescos Augen waren fest verschlossen. Er öffnete sie nicht einmal, als ich mit meinen Fingern durch sein Haar strich. Und es folgte auch keine Reaktion, als ich seinen Arm küsste, mit dem er sich neben meinem Kopf abstützte. An seinen schneller werdenden Bewegungen merkte ich, dass er sich seinem Höhepunkt nährte und ich hoffte inständig, dass er mich wenigsten jetzt anschauen würde. Nur für eine Sekunde. Doch das tat er nicht. Mit fest geschlossenen Augenlidern erreichte er den Höhepunkt und senkte seinen Oberkörper erschöpft für einen Augenblick auf meinen herab. Man hätte das schon fast als eine Art Umarmung bezeichnen können und es war traurig, dass dies der intimste Moment unserer Vereinigung war. Dann öffnete er tatsächlich seien Augen, gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und zog sich auf seine Seite des Bettes zurück. „Das war schön“, waren seine einzigen Worte, bevor er das Licht löschte und augenblicklich neben mir einschlief.

 
   

Für mich war an Schlaf nicht zu denken. Ich richtete mich im Bett auf, nachdem ich mir sicher war, dass Francesco tatsächlich schlief. Schön? Diese Worte hätte ich für das Geschehene nicht verwendet. Für mich hatte es sich kalt und mechanisch angefühlt. Wie froh war ich, dass dies nicht mein Erstes Mal gewesen war. Dank Israel wusste ich, wie anders Geschlechtsverkehr sein konnte. Aber vielleicht war das auch mein Fluch? Vielleicht hätte ich es gerade mit Francesco genießen können, wenn ich nicht gewusst hätte, wie anders…wie viel schöner…es sich anfühlen konnte? Ein Frösteln durchfuhr mich als ich daran dachte, dass ich nie wieder mit einem anderen Mann außer Francesco zusammen sein würde.

 

 

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kor. 11.11.2014