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2. Aufgabe

 

   

Was bisher geschah:
(Zusammenfassung der voherigen Aufgaben)

Vor einigen Wochen kaufte ich mir ein baufälliges Haus in Rodaklippa, der Stadt in der meine Eltern lebten und in der ich meine Teenagerjahre verlebt hatte. Ich hatte meine Eltern nicht über den Umzug informiert, denn das bedeutete ihnen eingestehen zu müssen, dass ich mein Studium abgebrochen hatte. Ich hatte versagt. Schlussendlich konnte ich das Geheimnis aber doch nicht für mich bewahren und meine Eltern versprachen mir, mich zu unterstützen, wie auch immer ich mein zukünftiges Leben gestalten wollte. Ich hatte schon immer sehr gerne gemalt und so versuchte ich, mein Hobby zum Beruf zu machen und mich als freischaffende Malerin zu versuchen. Eines Tages stand meine Cousine Magda vor meiner Haustür und bat mich, ein paar Tage bei mir übernachten zu können. Leider war meine Cousine eine recht oberflächliche und egozentrische Person, die mich bei jeder Gelegenheit spüren ließ, dass ich mit ihrer Schönheit nicht mithalten konnte. Und aus den Tagen, die sie bei mir bleiben wollte wurden Wochen. Langsam aber sicher gewöhnten wir uns an das gemeinsame Zusammenleben, bis eines Tages jemand an unsere Tür klingelte.

 

   
 
 
 

Dort stand eine Frau im weißen Hosenanzug. Sie hatte die fünfzig bereits überschritten, dennoch hatte sie einen durchtrainierten Körper und der tiefe Ausschnitt ihres Oberteils gab den Blick auf ihre immer noch straffe Haut frei. Sie hätte trotz ihres Alters noch immer sehr schön sein können, wäre da nicht dieser finstere Blick gewesen. „Guten Morgen, Tochter“, begrüßte sie Magda mit bedrohlichem Unterton in der Stimme. „Ich denke es ist an der Zeit, dass wir diesem kleinen Katz-und-Maus-Spiel endlich ein Ende setzen.“

 
 
 

 

 

   
 
 
   

Magda verschlug es die Sprache. Was jetzt? Sollte sie losschreien, davonlaufen, ihre Mutter anbrüllen? Alles war besser, als einfach nur wie zur Salzsäule erstarrt vor ihr zu stehen. Langsam wurde ihre Mutter ungeduldig. „Willst du mich gar nicht hereinbitten?“, fragte sie. „Habe ich dich etwa so schlecht erzogen?“ Langsam erwachte Magda aus ihrer Schockstarre. „Nein, nein“, stammelte sie, immer noch überrumpelt vom plötzlichen Auftauchen ihrer Mutter. „Komm nur herein.“ Tante Joanna folgte ihrer Aufforderung umgehend, ohne abzuwarten, bis ihre Tochter sich wieder gesammelt hatte.

 
 
 
 

Magda brauchte einige Sekunden um sich wieder zu fangen. Zitternd lehnte sie sich an die Hauswand und füllte ihr Herz in ihrem Brustkorb rasen. Langsam begann ihr Gehirn wieder seine Arbeit aufzunehmen und ihr wurde bewusst, dass sie lediglich einen Pyjama trug. So konnte sie ihrer Mutter einfach nicht entgegentreten. In diesem Aufzug fühlte sie sich ihr zu schutzlos ausgeliefert. Also lief sie schnell ins Schlafzimmer und zog ihren blauen Einteiler an.

 
 
 
 

Selbstbewusst war ihre Mutter ins Haus getreten und sah sich darin um. Und offenbar gefiel ihr nicht wirklich, was sie hier vorfand. Aber ich konnte es ihr nicht einmal verübeln. Das Haus glich immer noch mehr einer Baracke, als einem gemütlichen Zuhause. Ich würde mich demnächst dringend um die Innenausstattung kümmern müssen. Fertig umgezogen, folgte Magda ihrer Mutter ins Wohnzimmer.

 
 
 
 

„Was…was erwartest du jetzt von mir, Mutter?“, fragte sie vorsichtig, nachdem Tante Joanna die Begutachtung des Raumes abgeschlossen hatte. „Soll ich meine Sachen packen und mit dir nach SimCity zurück kehren?“ Es war eigentlich mehr eine Feststellung als eine Frage und sie ließ ihre Schultern bereits mutlos hängen. Magda war überzeugt davon, dass mit dem Besuch ihrer Mutter ihre kleine Flucht hier und jetzt ein Ende gefunden hatte. Und sie sah den mühseligen und langweiligen Studienalltag wieder auf sich zukommen.

   
 
 
   
Sie war daher schon auf halben Weg zum Schlafzimmer, um ihren Koffer zu holen, als ihre Mutter sie mit ihrer Erwiderung überraschte. „Ich erwarte von dir, dass du nicht einfach so davonläufst und dich aus Angst vor den Konsequenzen versteckst. Ich habe dich nicht zu einem Feigling erzogen.“ Magda drehte sich langsam zu ihrer Mutter um und begegnete ihrem eindringlichen Blick. Ein kalter Schauer durchlief dabei ihren ganzen Körper. „Wenn du dein Studium abbrechen willst“, setzte Tante Joanna fort, „dann stehe auch zu deiner Entscheidung! Ich hätte von dir erwartet, dass du den Mut aufgebracht hättest zu deinem Vater und mir zu kommen und für deine Entscheidung einzutreten.“
 
 
 
 

Magda war sichtlich verwirrt. „Heißt das, ich muss nicht zurück an die Uni?“, fragte sie in der festen Überzeugung, ihre Mutter falsch verstanden zu haben. „Du bist erwachsen, Magda“, erwiderte diese. „Du kannst machen, was immer du für richtig hältst. Dein Vater und ich können dich zu nichts mehr zwingen. Aber dir muss auch klar sein, dass jede Entscheidung Folgen nach sich zieht.“

 
 
 
 

Da war also der Hacken, auf den Magda gewartet hatte. Es wäre sonst auch zu schön gewesen, um wahr zu sein, wenn ihre Mutter ihr so ohne jegliche Bedingung gestattet hätte, in Rodaklippa zu bleiben. Aber Magda hatte keine Lust ihr ödes Studium wieder aufzunehmen. Wie schlimm konnte im Vergleich dazu die Alternative, die ihre Mutter ihr anbot, schon sein? „Was für Konsequenzen wären das denn?“, fragte sie, darum bemüht möglichst gleichgültig zu klingen. Es war ja nicht nötig ihrer Mutter direkt auf die Nase zu binden, dass sie sich schon längst entschlossen hatte. Doch ihr Grinsen verriet nur zu deutlich, was in ihrem Kopf vor sich ging.

   
 
 
 

„Nun, die Konsequenz ist ganz einfach die, dass du in Zukunft für deinen eigenen Unterhalt wirst aufkommen müssen“, erwiderte ihre Mutter und Magda entging die tiefe Befriedigung in ihrer Stimme nicht. „Du kannst nicht erwarten, dass dein Vater und ich weiter dafür aufkommen, dass du deine Tage mit Feiern und Partys verbringst.“ Sie wollten ihr den Geldhahn abdrehen? Magda wäre fast wie ein Häufchen Elend in sich zusammen gesunken und schlug die Hände vorm Gesicht zusammen. Was nutze es ihr, wenn sie zwar den langweiligen Vorlesungen entronnen war, dafür nun aber kein Geld mehr zur Verfügung hatte. Das war so unfair! Ihre Eltern waren doch steinreich, da konnten sie ihrer eigenen Tochter doch wohl etwas von diesem Reichtum abgeben.

 
   
 
 

„Bekomme ich etwa gar nichts mehr?“, startete Magda einen letzten verzweifelten Versuch. „Nicht mal ein bisschen?“ Tante Joanna grinste zufrieden. „Die Überweisung deines ‚Taschengeldes‘ wurde bereits gestoppt und deine Kreditkarten sind gesperrt.“ „Auch die Goldene?“, schrie Magda entsetzt. Ihre Augen glänzten feucht, kurz davor, in Tränen auszubrechen. Ihre Mutter stemmte eine Hand in die Hüfte und begann sich mit der anderen ihren Nacken zu massieren. „Magda, Liebes, es liegt ganz bei dir, ob wir dich weiter unterstützen“, flötete sie. „Sobald du wieder an der Uni bist und gute Prüfungsresultate ablieferst, werden dein Vater und ich uns wieder großzügig zeigen. Wir sind doch keine Unmenschen.“

 
 

Magda stand vor einem großen Dilemma. Was sollte sie bloß tun? Sie hasste die Uni. All das Lernen und die Prüfungen waren nur langweilig und anstrengend. Und die Männer an ihrem Campus waren auch zu nichts zu gebrauchen. Alles nur Streber und Langeweiler. Sie wollte ihr Leben genieße, solange sie noch jung war. Aber wie sollte das ohne Geld möglich sein? Ihre Mutter wusste genau, wie sie sie erpressen konnte. Erst in diesem Augenblick wurde Magda klar, dass genau das ihr Plan war. Sie wollte sie kleinkriegen. Sie wollte Magda in dem Glauben lassen, sie könne sich frei entscheiden. Aber in Wahrheit wollte sie sie nur dazu bringen, ihr Studium wieder aufzunehmen.

   
 
 
   

Und diese Erkenntnis weckte den Trotz in Magda. „Gut, dann werde ich die Konsequenzen eben tragen“, erklärte sie bestimmt. „Ich werde hier bei Klaudia bleiben. Es gefällt mir hier. Und du wirst sehen, dass ich auch gut ohne euer Geld zu Recht kommen werde.“ Der Mut ihrer Tochter überraschte meine Tante und sie sog eine Augenbraue in die Höhe. Einige Sekunden lang starrte sie Magda durchdringend an. Magda spürte den Druck dieses Blickes, der wie ein Gewicht immer schwerer auf sie niederdrückte. Doch sie hielt dem Druck stand. „Gut“, sagte Tante Joanna schließlich, „ich wünsche dir, dass sich diese Entscheidung als die richtige für dich entpuppt. Ansonsten kennst du die Bedingungen, unter denen du auf unsere Hilfe zählen kannst.“

 
 
 
 

Auch diese Hilfe konnte Magda gut verzichten…vorerst. Daher verkniff sie sich ihre bissige Bemerkung und ließe es bei dem Kompromiss bewenden, den sie mit ihrer Mutter ausgehandelt hatte. Wie schwer konnte es schon sein, sich den Lebensunterhalt selbst zu verdienen? Inzwischen war auch ich aufgewacht und hatte mich angezogen. Durch die Schlafzimmertür hatte ich Tante Joannas Stimme bereits erkannt und ich freute mich darauf, sie begrüßen zu können.

 
   
   
 

Auf Tante Joannas Gesicht erschien ein warmes Lachen, als sie mich sah. Magda fiel es schwer, einen Wutschrei zu unterdrücken. Wie könnte ihre Mutter sich bloß in einer Sekunde vom zähnefletschenden Wolf in ein sanftes Lämmchen verwandeln? Und warum passierte das ihrer Mutter nicht beim Anblick der eigenen Tochter, sondern bei dem der Nichte? „Ich würde dir ja einen Kaffee anbieten, Tante Joanna“, sagte ich nach abgeschlossener Begrüßung, „aber ich habe leider keine Kaffeemaschine und unsere einzige Sitzgelegenheit wurde letztens gepfändet.“ Betroffen blickte ich zu Boden. „Das macht doch gar nicht“, entgegnete Tante Joanna. Dann wand sie sich an Magda: „Magda, Schatz, dir macht es doch nichts aus eben in die Stadt zu fahren und uns allen einen Cappuccino mitzubringen?“

 
 
   

Magda sah ihre Mutter finster an, doch dann drehte sie sich ohne ein weiteres Wort um und verließ das Haus. Das laute knallen der Tür war ein deutlicher Hinweis, dass sie nicht gut gelaunt war. Tante Joanna und ich gingen derweil hinaus in den Garten. „Ist es in Ordnung für dich, wenn Magda etwas länger bei dir wohnen bleibt?“, fragte sie mich. Diese Frage hatte ich mir schon selbst gestellt, weil ich seit längerem vermutete, dass Magda nicht so schnell wieder verschwinden würde. Und auch wenn meine Cousine mich manchmal wirklich, wirklich ärgerte, so war es doch schön, nicht ganz alleine in diesem Haus zu sein. „Magda kann gerne so lange bleiben, wie sie will“, antwortete ich daher wahrheitsgemäß ohne langes Zögern.

 
 
   

Erneut zeigte mir Tante Joanna ihr warmes Lächeln. „Aber lass dich von meiner Tochter bloß nicht ausnutzen“, ermahnte sie mich. „Sie ist sehr geschickt darin, andere ihre Arbeit machen zu lassen. Wenn sie dich im Haushalt nicht unterstütz und dir keine Miete bezahlt, dann lass es mich wissen.“ Bei diesen Worten begann ich mich unbehaglich zu winden. „Ok, ich sehe schon, sie hat bislang keinen Finger gerührt“, schloss meine Tante aus meinem Verhalten. „Ich denke aber, dass sich das nach meinem heutigen Gespräch mit ihr ändern wird.“ Ich lächelte unsicher. So ganz wollte ich ihren Worten noch nicht glauben. Aber wer weiß, vielleicht würde Magda mich ja doch noch überraschen?

   

 

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kor. 06.03.2014